28 Oktober 2005

Worthülsen

By | 2017-04-26T10:39:55+00:00 Oktober. 28th. 2005|Text und Gestaltung|

Auf ein Wort – Folge 1

Ein nicht zu unterschätzender Erfolgsfaktor für jedes Konzept ist die richtige Wahl der  Worte. Worte machen Konzepte. Kleide ich meine Strategien und Ideen nur dürftig in Worte – dann verlieren selbst gute Konzepte gnadenlos ihre Geltung. Finde ich die richtigen Worte – dann hilft mir das elegant über so manche Konzeptionsschwäche hinweg. Konzepte entwickeln – das ist immer auch ein Balancieren mit Worten.

Um diesen Balanceakt deutlich zu machen, will ich in sporadischer Folge das ein oder andere Schlüsselwort aus meinem konzeptionellen Wortschatz zur Sprache bringen. Den Anfang macht heute das wundervoll ausgewogene Wörtchen „angemessen“.

Ich gestehe, dass ich „angemessen“ liebe. Es taucht in fast jedem meiner Konzepte auf. Zum Beispiel als angemessenes Etatvolumen, angemessene Mitarbeitermotivation oder angemessene Imageverbesserung. Das Wort bietet mir die perfekte Deckung. Es ist ein begriffliches Chamäleon und passt sich jeder Argumentationslinie virtuos an. „Angemessen“ findet immer das richtige Maß und erntet niemals Widerspruch.

Nehmen wir an, ich hätte im Konzept für einen kommunalen Energieversorger forsch verkündet: „XY-Strom muss einen starken Kommunikationsdruck auf die Kommune ausüben.“ In diesem Fall sehe ich vor meinem geistigen Auge schon die gesamte Geschäftsführung zucken und in Abwehrhaltung gehen: „Starker Druck? Auf unsere Partnerkommune? Sie bringen da einen ganz falschen Zungenschlag rein!“ – Schnell würde ich mich für meinen Fehlbegriff entschuldigen und neu formulieren: „Sagen wir es so: XY-Strom muss einen angemessenen Druck auf die Kommune ausüben.“ – „Na also!“ – „Warum nicht gleich!“ – Sofort reagieren alle Beteiligten wieder sehr entspannt. „Angemessen“ macht´s möglich.

Ganz gleich, ob hoch oder niedrig, stark oder schwach, groß oder klein, viel oder wenig – diese Dimensionsbegriffe entpuppen sich in kippligen Konzeptsituationen als gefährlich tendenziös. Meine Argumentation könnte zwischen die Stühle der Interessen geraten. Deshalb entscheide ich mich im Fall des Falles am liebsten für „angemessen“. Schon bin ich – wie man es auch dreht und wendet – stets auf der richtigen Seite.

Jeder liest sich dann genau das heraus, was er lesen will. Das Wort „angemessen“ passt auf jede Goldwaage der institutionellen Kommunikation. Niemand fühlt sich missverstanden oder angegriffen. Gegensätze verschwinden scheinbar wie von Zauberhand. Alle sind glücklich.

„Angemessen“ wirkt so viel sagend, obwohl es in der verbalen Wirklichkeit völlig nichts sagend ist.  Es scheint wie das Maß aller Dinge, obwohl es eigentlich absolut maßlos ist. Aber darüber hat sich bisher noch kein Konzeptionskunde beschwert. Alle finden „angemessen“ völlig angemessen.

Fortsetzung folgt

26 August 2005

Grafiker/innen und ich

By | 2017-04-26T11:18:42+00:00 August. 26th. 2005|Text und Gestaltung|

Hassliebeserklärung: Konzept & Design

Es ist wahr, es ist wahr, ohne Grafiker kann ich nicht Leben. Jede Strategie, jede konzeptionelle Idee ist grau, grau, grau. Ich bin angewiesen auf die Grafiker, die Farbe und Form in meine Gedanken bringen, damit sie Gestalt annehmen. So lange ich konzeptionell denken kann, arbeite ich deshalb bei nahezu jedem Auftrag mit der Grafik Hand in Hand. Wobei die Zusammenarbeit oft eher Ähnlichkeit mit einem Handgemenge hat. Konzeptioner (Funktion!) und Grafiker (Form!) kämpfen zäh und ausdauernd um jeden Zentimeter Gestaltungsraum.

Vielleicht sollte ich zur Verdeutlichung ein Beispiel aus der laufenden Arbeitswoche erzählen? Einer meiner Kunden ist in seiner Branche leider noch ein völlig unbeschriebenes Blatt. Nicht einmal den Namen des Unternehmens kennen die Leute. Eine Präsentationsbroschüre an alle Multiplikatoren soll da Abhilfe schaffen. Die Grafikerin holt sich bei mir ihr Briefing ab und legt los. Eine wunderschöne Broschüre entsteht. Ich bin begeistert. Es gibt nur einen Haken. Auf der Titelseite finden sich weder Unternehmenslogo noch Unternehmensname. „Sieht doch ohne Logo viel ästhetischer und harmonischer aus!“, sagt sie und weigert sich hartnäckig den Broschürentitel mit einem trivialen Logo zu verunzieren. Die letzte Seite wäre dafür gerade gut genug.

Und so etwas passiert mir ständig: Mal wird für einen Senioren-Ratgeber die Schrift nur in 10 Punkt Größe gesetzt, weil das doch wesentlich eleganter wirkt. Oder die Infografiken einer Mittelstandsstudie sind komplett in edlem Grau gehalten, so dass die einzelnen Balken kontrastarm und kaum voneinander zu unterscheiden sind. Oder das einzige Produktfoto eines Werkzeugmaschinen-Faltblattes ist so stark angeschnitten, dass das neue Produkt nicht mal mehr zur Hälfte ins Bild kommt. Oder der Grafiker versucht mir meine strategische Kernbotschaft „Sicherheit“ auszureden, weil die für ihn so wenig kreatives Potential böte. Es ist ein ewiger Kampf.

Neulich in einer langweiligen Sitzung hatte ich einen wunderschönen Traum: Ich lernte nach all den Jahren endlich einen Grafiker kennen, der mich vom ersten Layout an voll und ganz verstand, der mir meine konzeptionellen Wünsche von den Augen ablas. Aus uns wurde ein tolles Dream-Team. Gemeinsam waren wir unschlagbar  und eroberten die Werbewelt im Sturm.

19 August 2005

Worthülse „Partner“

By | 2017-04-27T08:27:15+00:00 August. 19th. 2005|Text und Gestaltung|

Partner partout

Hallo Partner!

Partner für alle, Partner der Kunden, Partner der Mitarbeiter, Partner der Wirtschaft, Partner der Wissenschaft, Autopartner, Qualitätspartner, Zukunftspartner, Servicepartner, Kompetenzpartner, Premiumpartner,  Toppartner, Weltpartner, Deutschland-Partner, Berlin-Partner, Innovationspartner, Megapartner, Metapartner, Traditionspartner, Traumpartner, Treuepartner, Systempartner, Bonuspartner, Partner Nr. 1, Ihr Partner für Bildung, Ihr Partner vom Fach, Partner der Mode, Partner für Gesundheit, Erfolgspartner, Schlankheitspartner, Reisepartner, Investitionspartner, Bankpartner, Versicherungspartner, Energiepartner, Starpartner, Startpartner, Profipartner, Profilpartner, die Partnermanager, die Partnervorteile, der Partnersparpreis, your IT-Partner, your friendly Partner, your fair Partner, your officepartner, your parttime-partner, your party-partner, Ihr starker Partner, Ihr stärkster Partner, Ihr unternehmerischer Kapitalpartner, Ihr kreativer Ideenpartner, der neue Bürgerpartner, der Partnerpartner.

Partner, nein Danke!

5 August 2005

Werbung – nein danke!

By | 2017-04-27T08:38:54+00:00 August. 5th. 2005|Text und Gestaltung|

Qualitätärätätä !!!

Heute morgen war ich im Kaufhaus  meines Vertrauens und habe mir eine neue Hose gekauft. Zugegeben, auf den ersten Blick ist das eigentlich kein Thema für den Konzeptionerblog. Auf den zweiten Blick aber doch. Denn als ich nach Hause kam, entdeckte ich an der Hose ein Schild, das an einem der beiden Gesäßtaschenknöpfe baumelte. Hier die Kommunikationsbotschaft im Original:

Seit ich also dieses nette Schildchen entdeckt habe, bin ich von tiefem Misstrauen erfasst. Irgendwas kann mit dieser Hose nicht stimmen. Oder?