29 Juni 2012

Social Networks für Strickfans

By | 2017-09-08T15:21:08+00:00 Juni. 29th. 2012|Branche und Business|

Social Networks: 2,2 Mio. hängen an der Nadel

Was für eine reißerische Schlagzeile! Es passt aber auch zu gut – und ist doch ganz anders. Zu jedem meiner Kommunikationskonzepte gehört ganz am Anfang ziemlich viel Recherchearbeit.  Bei einer Internetrecherche vor ein paar Tagen bin ich auf ein großes Netzwerk gestoßen, von dem ich  bis dato noch nie gehört hatte: www.ravelry.com.  Das ist eine weltweite Community rund ums Stricken und Häkeln. Weltweit sind über 2,2 Millionen Strickfans aus über 100 Ländern dabei. Ich habe zwar keinen Schimmer vom Stricken, aber ich habe mich angemeldet. Ich war einfach neugierig. Und tatsächlich, es hat sich gelohnt, denn Ravelry ist eine quicklebendige Weltgemeinschaft, die jedes Handarbeitsherz höher schlagen lässt. Ich verstand zwar einiges nicht, da mir die vielen englischsprachigen Strick- und Häkelbegriffe fremd sind, aber meine Testbesuche waren ein Erlebnis. Ich gewann den festen Eindruck, dass sich die hauptsächlich weiblichen Nutzer in guter Gesellschaft fühlen und überaus aktiv sind.  Mir wurde plötzlich klar, es gibt eine spannende Web 2.0-Welt jenseits von Facebook, Twitter & Xing. Man muss nur seine eingefahrenen Internethauptstraßen verlassen, sich links und rechts umschauen und Entdeckungen machen.

28 Mai 2012

Kundenrezensionen von Fachbüchern

By | 2017-09-08T15:24:12+00:00 Mai. 28th. 2012|Branche und Business|

Manipulierte Rezensionen von Fachbüchern bei Amazon & Co.

Ich investiere jedes Jahr viel Geld für Fachbücher aus dem Dunstkreis von Kommunikation und Konzeption. Da ich bei weitem nicht alle Neuerscheinungen kaufen und lesen kann, lasse ich mich bei meiner Kaufentscheidung durch die Kundenrezensionen der großen Online-Buchversender lenken.

Zu oft bin ich dabei schon auf gefälschte Rezensionen hereingefallen. Solche falschen Bewertungen haben erschreckend zugenommen und ich habe den Verdacht, dass einige Verlage systematisch damit arbeiten. Nur Bestbewertungen und tolle Rezensionen – das Buch muss ich lesen! Doch nach der Lektüre von wenigen Seiten fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Die positiven Rezensionen sind „Fake“ und das Buch hält nicht, was die Rezensenten versprechen.

Durch den Schaden bin ich vorsichtig geworden und schaue seit neuestem bei Kundenrezensionen genauer hin. Stoße ich auf nachfolgende Indizien, dann keimt in mir der Verdacht, dass die Leser hinters Licht geführt werden sollen:

  • Das Fachbuch hat innerhalb von nur wenigen Tagen oder Wochen eine zweistellige Zahl von Höchstbewertungen bekommen.
  • Die ersten euphorischen Kundenrezensionen wurden schon unmittelbar nach Veröffentlichung des Buches geschrieben.
  • Die Kundenrezensionen klingen so komisch oberflächlich, bestehen aus Marketing-Schlagworten und  setzen sich nicht wirklich mit den Inhalten auseinander.
  • Der  Rezensent schreibt unter Pseudonym, hat noch andere Bücher eines bestimmten Verlags bzw. Autors mit Höchstwertungen besprochen.
  • Der Rezensent hat vielleicht an einem einzigen Tag mehrere Superlativ-Rezensionen bei Amazon veröffentlicht. Alle beziehen sich auf Bücher aus dem gleichen Verlag.
  • Verdächtig klingende Marketing-Passagen aus den Rezensionen google ich ein und stelle fest, dass sie gleichlautend bei mehreren Buchversendern oder Meinungsportalen zu finden sind.
  • Ich überprüfe, welchen Preis das Buch bei Gebrauchtbuchshops wie Rebuy oder Momox erzielt. Liegt der Preis auf Ladenhüterniveau, werde ich misstrauisch, denn immerhin soll es sich laut Rezensenten  um ein Meisterwerk handeln.

Trotz dieser Indizienprüfung lande ich bisweilen noch einen Flop. Aber in diesem Fall reagiere ich prompt. Ich nehme mein 14-tägiges Rückgaberecht in Anspruch und schicke das  Buch mit einem Verdachtshinweis an den Buchversender zurück.  Wenn es alle so machen, die sich reingelegt fühlen, dann flutet ein „gehyptes“ Buch in großer Stückzahl an den Versand zurück und der Verlag dürfte gehörig Ärger bekommen.

28 April 2012

Best-Practise-Problem

By | 2017-09-11T13:58:58+00:00 April. 28th. 2012|Branche und Business|

Die Best-Practise-Pest wütet

Eine Vortragsveranstaltung fast nur mit Best Practise-Beispielen liegt hinter mir. Aufschlussreich? Nein, eher nicht. Ich kam mir vor wie in einer heiligen Messe für die Kommunikationsbranche. Viele der Kampagnenpräsentationen rochen arg nach Selbstbeweihräucherung. Eine Kampagne wurde grandioser als die andere zelebriert. Fehler? Fehlanzeige. Probleme? Nur, um vom Kampagnenteam entschlossen überwunden zu werden. Was lernen wir daraus? Also ich habe für mich daraus gelernt, dass Veranstaltungen (…und Bücher) mit geballter Best Practise-Ladung vertane Zeit sind.

Ich kann es nicht beweisen, aber irgendwie kam in mir der Verdacht auf, dass viele der vorgestellten Fälle ein wenig manipuliert wurden. Hier ein paar Ecken und Kanten rundgeschliffen, dort ein paar Haken und Ösen weggelassen. Manche Kampagne dürfte in Wirklichkeit mittelmäßig gelaufen sein, aber mit ein wenig Botox aufgespritzt, wirkte sie plötzlich bewundernswert genial und straff.

Ich fordere: Schluss mit der Best-Practise-Verehrung! Im richtigen Maß mit dem nötigen Sachverstand sind Best Practise-Präsentationen durchaus sinnvoll, aber was da seit einigen Jahren in Szene gesetzt wird, ist einfach zu viel des Guten. Ich wünsche mir in Zukunft mehr Fallbeispiele, die authentisch dargestellt werden, auf dem Boden der Tatsachen stehen und sich zu Fehlern und Widrigkeiten bekennen. Und hin und wieder möchte ich auch Projekt- und Kampagnenbeispiele kennenlernen, die gescheitert sind und erfahren warum. Das wäre erfrischend – und lehrreich. 

20 Februar 2012

Werbepsychologie

By | 2017-09-11T14:06:13+00:00 Februar. 20th. 2012|Branche und Business|

Der Fluch der geheimen Verführer

Wiedergänger sind Verblichene, die immer wieder in die Welt der Lebenden zurückkehren und dort ihr Unwesen treiben. Der Versuch mit den sublimen Botschaften „Trinkt Cola!“ und „Esst Popcorn!“, die im Kino während des Films für Sekundenbruchteile eingeblendet werden und in der Pause zum  Run auf Popcorn und Cola führen, ist ein solcher Wiedergänger. Vance Packard hat die Story 1957 in seinem Buch „Die geheimen Verführer“ in die Welt gesetzt.  Die dunkle Macht der unterschwelligen Wahrnehmung war geboren und nicht mehr tot zu kriegen. Seit ewigen Zeiten begegnet mir diese Story in unzähligen Reincarnationen.  Bücher Zeitungsartikel, TV-Features, Seminare, Vorlesungen  – kein Medium ist vor ihr sicher. Gerade letzte Woche ist sie mir wieder in einem ansonsten sehr anregenden Fachvortrag erschienen.

Obwohl Vance Packards Buch seit langer Zeit vergriffen und nicht mehr wahr ist, die Story von den grusligen Zauberkünsten der Werbeindustrie lässt sich anscheinend nicht tot  kriegen. Den meisten konsumgläubigen Menschen jagt sie auch heute noch einen wohligen Schauer über den Rücken.

Nur leider, leider hat die Sache einen Haken, einen ziemlich krummen Haken. Der legendäre Versuch mit der unterschwelligen Verführung im Kino hat sich nämlich als „Fake“ entpuppt. Oder auf gut deutsch gesagt: Die Story ist „erstunken und erlogen“. Den Versuch im Kino hat es nie gegeben – und er hätte auch nicht funktioniert. Deshalb, liebe Leute, flehe ich euch an: Lasst die alte Gruselgeschichte endlich in Frieden ruhen. Sie ist toter als tot. 

25 Januar 2012

Agenturen und ihre Selbstdarstellung

By | 2017-09-11T14:08:03+00:00 Januar. 25th. 2012|Branche und Business|

Handicap Selbstdarstellung

„Wir sollen am Anfang der Konzeptpräsentation unsere Agentur vorstellen. Wie machen wir das?“

Gute Frage! Viele Agenturen und Freelancer haben Probleme mit ihrer Selbstdarstellung. Es fällt ihnen schwer und sie verkünsteln sich. Drei Kardinalfehler beobachte ich immer wieder:

Zu lang – Auf dem Materialstapel neben mir auf dem Schreibtisch liegt gerade eine Konzeptpräsentation, bei der 40% der Folien Eigenwerbung und Nabelschau sind. So nicht, Leute! Eine gute Selbstdarstellung als Einstieg überzeugt durch erfrischende Kürze. Maximal 2 Minuten, manchmal reichen schon 30 aussagekräftige Sekunden. Kurz gesagt: Auf den Punkt zu kommen ist besser als in die epische Breite zu gehen.

Zu voll – Gleich auf der ersten Folie der Selbstdarstellung stehen jede Menge Zahlen und Fakten: Gross Income, Unternehmensgröße, Mitarbeiterzahl, Kundenzahl, gewonnene Awards, Platzierung im Agenturranking und so weiter. Danach kommt dann der berüchtigte bunte Logoteppich aller betreuten Kunden. Mein Rat: Statt Masse aufzulisten, besser Klasse aufblitzen lassen.

Zu großspurig – Die Agentur sollte in ihrer Selbstdarstellung nicht vollmundig behaupten, sondern zeigen, dass „unser Team im Design Spitzenklasse ist“. Sie sollte sich nicht als „überragend kreativ“ titulieren, sondern einfach ein überragend kreatives Beispiel für sich selbst sprechen lassen. Sie sollte nicht verkünden, dass „ihre Berater Maßstäbe in der strategischen Konzeption setzen“, sondern im Anschluss an die Selbstdarstellung einfach ein herausragendes strategischen Konzept präsentieren. Nicht vollmundig proklamieren, sondern authentisch dokumentieren, heißt das Rezept. 

4 Januar 2012

Kommunikationstrends 2012

By | 2017-09-11T14:09:27+00:00 Januar. 4th. 2012|Branche und Business|

Ich sehe was, was du nicht siehst

Ich komme viel rum in der Kommunikationsbranche, ich höre viel, lese viel und bin im Thema – bilde ich mir jedenfalls ein.  Da liegt es nahe, dass ich mich selbst (bzw. meinen Bauch) befrage, welche Trends und Tendenzen im Kommunikationsjahr 2012 an die Oberfläche steigen werden. Hier folgt nun meine persönliche TopThree:

1. Facebook, Twitter & Co auf Normalmaß – Im letzten Jahr haben sich viele meiner Auftraggeber in die sozialen Netzwerke gestürzt. Oft ohne Sinn und Konzept. Nach kurzer Zeit stellten sie ernüchtert fest, dass Wunder nicht zu erwarten sind. Im Gegenteil, man kann sich in den Netzwerken leicht verheddern und einen schwachen Eindruck hinterlassen. Inzwischen drosseln einige meiner Gesprächspartner ihr Engagement und fangen an, die Social-Media-Chancen ihres Unternehmens realistisch zu sehen. Erste Stimmen sprechen sogar von Rückzug.  Euphorie war gestern, 2012 werden alle langsam wieder nüchtern.

2. Ehrlichkeit ist die neue Hype – Werbung und PR neigen zur Übertreibung, sie nehmen es mit der reinen Wahrheit manchmal nicht so genau. Wer die Anzeigen einer Zeitschrift oder den Werbeblock eines TV-Senders anschaut, der weiß, was ich meine. Aber, wenn mich mein Bauchgefühl nicht trügt, dann tut sich was. Zum einen entdeckt unsere Gesellschaft wieder klassische Werte wie Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit, es wird nicht mehr jede Großsprecherei geduldet. Zum anderen ist die Welt dank Internet und Medien hochtransparent geworden. Alles droht ans Tageslicht der Öffentlichkeit zu kommen: jede hohle Werbeblase und jede raffinierte PR-Finte. Immer mehr Unternehmen, Institutionen und Personen des öffentlichen Lebens bekommen das zu spüren. Und was ist die Reaktion? Ich bin mir fast sicher: 2012 entdeckt die Kommunikationsbranche die Ehrlichkeit.

3. Kommunikation wird globaler – Bis vor einigen Jahren waren Werbung, Event, PR oder Direktmarketing kleine  Fürstentümer, die ihre Grenzen möglichst geschlossen hielten. Dann kam die Integration der Kommunikation. Zwar verschwanden die Grenzen nicht, aber sie wurden durchlässiger.  Seit einiger Zeit geht der Trend noch einen Schritt weiter. Die Kommunikation ordnet sich nicht mehr unter, sondern greift, wenn es denn notwendig ist, in die Produkt-,Preis- und Distributionspolitik ein. Das Terrain der anderen Marketingmixfaktoren ist nicht mehr tabu. Sobald sich ein drängendes Kommunikationsproblem nur durch Änderungen im Marketingbereich lösen lässt, dann (und nur dann) wagen moderne Kommunikationskonzepte den Schritt nach vorne und machen übergreifende Vorschläge. Aus meiner Sicht gibt es kein Halten mehr. Ab 2012 wird auch diese Grenze endgültig fallen.

8 November 2011

Erste Anzeichen von Entschleunigung?

By | 2017-09-11T14:13:59+00:00 November. 8th. 2011|Branche und Business|

Wieder mehr Zeit für Konzepte

Ende der 80ziger Jahre vergingen bei mir zwischen dem ersten Briefing und dem fertigen Konzept im Durchschnitt etwa zwei Monate. Dann zog das Tempo an. Die Kunden hatten es immer eiliger, es konnte gar nicht schnell genug gehen. Keine Atempause, Geschäfte wer’ n gemacht, es geht voran. Ich habe mal nachgerechnet, im Jahr 2010 war das durchschnittliche Zeitfenster für meine Konzepte auf 2 – 3 Wochen zusammengeschrumpft.  Die ständige Hektik kam der Qualität nicht unbedingt zugute. Ein Konzept braucht einfach eine gewisse Reifezeit.

Vielleicht bilde ich es mir ja nur ein, aber in diesem Jahr scheint das Tempo ein wenig nachzulassen, ich bekomme bei einzelnen Aufträgen wieder mehr Zeit eingeräumt. Außerdem glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen, als sich in den letzten Wochen gleich zwei Kunden beschwerten, dass ich zu schnell machen würde. Ich solle mir doch für die Konzeption mehr Zeit lassen. Heureka! Ich sehe ein Licht am Ende des Zeittunnels…

24 Oktober 2011

Neues Buch im Blick

By | 2017-09-11T14:16:53+00:00 Oktober. 24th. 2011|Branche und Business|

„Neue Konzepte für die erfolgreiche PR-Arbeit“

In unregelmäßigen Abständen stelle ich im Konzeptionerblog noch lieferbare Fachbücher zum Konzeptionshandwerk vor. Das Buch von Nicole Zeiter ist  im Jahr 2007 in der zweiten erweiterten Auflage in einem  Schweizer Verlag  erschienen und blüht seither eher im Verborgenen. Selbst viele PR-Profis haben von dem Werk noch nichts gehört und reagieren überrascht, wenn ich sie darauf anspreche.  Bei Amazon stößt nur darauf, wer es gezielt sucht. Aber lieferbar ist es noch, ich habe gerade noch einmal nachgeschaut.

„Neue Konzepte für die erfolgreiche PR-Arbeit: Der Leitfaden für die Praxis“ so lautet der vollständige Titel. Und in der Tat wendet sich das Buch gezielt an PR-Leute, die konzeptionelle Stimulanz für ihre Presse- und Öffentlichkeitsarbeit suchen. Andere Kommunikationsbereiche werden nur ganz am Rand gestreift, wer an ganzheitlichem Kommunikationsmanagement interessiert ist, der liest hier verkehrt.

Die korrekte konzeptionelle Vorgehensweise der Public Relations wird einfach und schlüssig erklärt.  Keine große strategische Spannweite und keine komplexe theoretische Feinmechanik! Kein rauchender Kopf beim Lesen! Das Buch bleibt auf dem Boden  und dient als solider Wegweiser für mehr Konzept im klassischen PR-Alltag.

Was mir besonders gut gefällt, ist die ansprechende Edition. Die geht weit über dem Durchschnitt üblicher Fachbücher hinaus. Ich halte ein solide gebundenes Buch in Händen, das übersichtlich und modern layoutet ist. Da macht das Lesen gleich mehr Spaß.

Nur ein Mal hört der Spaß  auf den 152 Seiten für mich auf. Da steht an einer Stelle doch tatsächlich, dass PR-Leute nicht kreativ sein müssen. Das stimmt so nicht, liebe Nicole Zeiter, da muss ich vehement widersprechen.

Nicole Zeiter

Neue Konzepte für die erfolgreiche PR-Arbeit

Der Leitfaden für die Praxis  

2. erweiterte Auflage 2007

Verlag Huber Zürich

152 Seiten, 31,90 Euro

14 Oktober 2011

Empfang unter Sparzwang

By | 2017-09-11T14:17:44+00:00 Oktober. 14th. 2011|Branche und Business|

Das Willkommen wird „outgesourct“: Empfang unter Sparzwang

In meinen Konzeptionsseminaren berichte ich bisweilen von einem Unternehmen, das in seinem Leitbild betont, wie sehr ihm die Freundlichkeit gegenüber Kunden und Geschäftspartnern am Herzen liegt. Nur jedes Mal wenn ich zu einem Termin in der Hauptverwaltung vorbeischaue, sitzt unten am Empfang ein wahrer „Zerberus“, der jeden Besucher mit kalter Schulter und bösem Blick bedenkt.

Leider ist dieses Beispiel kein Einzelfall. Seit ein paar Jahren meine ich einen Niedergang der Willkommenskultur in deutschen Unternehmen und Institutionen beobachten zu können. Um Kosten zu sparen, wird der Empfang immer häufiger „outgesourct“ – und damit der erste Eindruck dem Zufall überlassen. Meist sitzen hinter den Empfangstresen irgendwelche mutlosen Mitarbeiter, die aufgrund ihrer dunkelblauen Einheitsuniformen unschwer als Söldner externer Dienstleister zu erkennen sind. Ich kann mir nicht helfen, aber sie wirken auf mich fast immer irgendwie unterbezahlt und mangelmotiviert. Sie fühlen sich nicht zugehörig und kennen sich kaum aus, man bekommt spärliche Auskunft und nur selten ein Lächeln. Nein, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, den Menschen hinter dem Tresen mache ich keinen Vorwurf, eher den Unternehmen, die ihre Willkommenskommunikation mal eben dem allgemeinen Sparzwang geopfert haben. Schämt euch!

12 August 2011

Moderne Perversion

By | 2017-09-13T14:48:27+00:00 August. 12th. 2011|Branche und Business|

Wenn Freundlichkeit zur Formel wird

Mitten in der großen Ferienzeit steckt die Abfertigungshalle des Flughafens voller Touristen und Geschäftsleute. Die Klimaanlage hat einen Schwächeanfall erlitten und in der Halle ist es schwül und drückend.

Ich habe noch viel Zeit, bis mein Flug aufgerufen wird, und will mich setzen, kann aber keinen freien Sitzplatz mehr entdecken. Am Gate nebenan ergattere ich schließlich noch einen Sitz seitlich an der Schleuse zur Fluggastbrücke. Dort wird nach zehn Minuten der Flug nach Zürich mit einer halben Stunde Verspätung aufgerufen und ich, der ich in der ersten Reihe direkt vor der Schleuse sitze, erlebe in den nächsten Minuten eine merkwürdige Solo-Performance.

Das Ganze erinnert an eine Mischung aus dadaistischem Ballett und absurdem Theater. Hauptdarsteller ist ein sichtlich gestresster Mann vom Bodenpersonal. Seine Rolle ist es, die Schleuse zu besetzen und die Bordkarten der Passagiere nach Zürich zu kontrollieren. Nachdem er seine offizielle Boarding-Durchsage runtergeleiert und die Schranke geöffnet hat,  knipst er plötzlich in seinem Gesicht ein freundliches Lächeln an, das auf der Stelle blitzgefriert und sich die nächsten Minuten nicht mehr von der Stelle rührt. Cheeeese  & Freeeze! Diese Freundlichkeitsgrimasse hält er tatsächlich bis zum Ende des Boardings perfekt durch.  Dazu spult er die immer gleiche Wort- und Bewegungsfolge als Endlosschliefe ab: „Ihre Bordkarte bitte?“ er greift mit der linken Hand zur Bordkarte: „Danke schön!“ dreht die Karte mit den Scanstreifen nach unten, beugt den Kopf  leicht nach vorne, zieht die Karte mit der rechten Hand über den Scanner und drückt sie dem bereits in Richtung Finger eilenden Fluggast wieder in die Hand: „Air Praline wünscht Ihnen einen guten Flug!“ –

Die Fluggäste drängeln, der Herdentrieb und die Verspätung treiben sie an, deshalb steigert sich das Tempo der Wort- und Bewegungsfolge, wirkt schon nach einigen Fluggästen seltsam überdreht und leiernd. „Ihre Bordkarte bitte?… Danke schön!… Air Praline wünscht Ihnen einen guten Flug… Ihre Bordkarte bitte?… Danke schön!… Air Praline wünscht Ihnen einen guten Flug… Ihre Bordkarte bitte?… Danke schön! – Air Praline wünscht Ihnen einen guten Flug…“ Linke Hand, Drehung, Vorbeugen, rechte Hand,  linke Hand, Drehung, Vorbeugen, rechte Hand, dabei Lächeln, immer Lächeln und so weiter und weiter. Keine Atempause, über 100 Passagiere lang dauert diese Performance. Am Ende reißt es niemand von den Sitzen, keiner spendet Beifall, der Mann vom Bodenpersonal bleibt allein und verschwitzt an der Schleuse zurück – knipst sich ganz zuletzt sein Lächeln wieder aus dem Gesicht.

Und die Moral von der Geschicht´?  Schluss mit der falschen Freundlichkeit! Ich hasse diese von Unternehmen  im Sinne des „Corporate Behaviour“ durchkonstruierten Begrüßungs- und Freundlichkeitsformeln, die in Wirklichkeit nur Leerformeln sind. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass sie das Gegenteil von dem erreichen, was eigentlich beabsichtigt ist. Freundlichkeitsmasken wirken vor allem entlarvend.