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Krise der Konzeption

By |2018-06-25T12:47:15+00:00Juni. 25th. 2018|Branche und Business|

Kommunikationskonzept in der Krise

Im Sinkflug

Das obige Schaubild zeigt die Entwicklung der Suchanfragen auf Google Trends für den Begriff „Kommunikationskonzept“ von 2004 bis 2018. Der kontinuierliche Abstieg ist frappant. Ich traue meinen Augen nicht und gebe „Marketingkonzept“ und danach „PR-Konzept“ ein. Der Trend bleibt der Gleiche: ein stetiger Sinkflug. Bedeuten die Zahlen, dass die konzeptionelle Planung in den letzten Jahren mehr und mehr an Bedeutung verloren hat? Was ist da los?

Trotz Turbulenzen

Mich irritiert der Sinkflug vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen. In den letzten Jahren ist der Pegel der Kommunikationsflut stark gestiegen, es wird immer komplizierter, die Zielgruppen zu erreichen und zu bewegen. Gleichzeitig hat sich im Kontext der 360°-Kommunikation und der digitalen Transformation die Zahl der Modelle, Kanäle und Instrumente in der Image- und Marketingkommunikation immens erhöht. Die Ansprüche an professionelle Kommunikationsarbeit steigen, nie war es so wichtig, mit umsichtigen Konzepten zu planen. Man sollte meinen, dass in einer solchen Situation die strategische Kommunikationsplanung stärker nachgefragt würde. Das Gegenteil scheint der Fall.

Auf meinem Radar

Ich habe in den letzten Monaten die Antennen ausgefahren, um Indikatoren für eine Krise der Konzeption zu entdecken und musste nicht lange suchen.

So erklärte mir der Marketingdirektor eines mittelständischen Unternehmens, dass sein Haus seit neuestem auf strategische Kommunikationsplanung verzichte, denn alles ändere sich, und da habe man die Erfahrung gemacht, dass es besser sei, auf Sicht zu fahren. Scrum sei zukunftsträchtiger als strategische Konzeption.

Auf einer Tagung für Führungskräfte fragte ich selbige nach ihren favorisierten Trends in der Kommunikation. Influencer-Marketing, Content-Management oder Customer Journey standen oben im Ranking, die strategische Planung lag weit zurück. Daraufhin hakte ich nach, wer in seinem Unternehmen mit integrierten Kommunikationskonzepten plane. Keine Reaktion. Ob denn klar sei, dass ohne übergreifendes Gesamtkonzept Content-Management oder Influencer-Marketing wenig Sinn mache? Daraufhin entgegnete mir ein Teilnehmer, dass man in Zeiten der digitalen Transformation den Anschluss nicht verpassen dürfe und aktuell lägen die Benchmarks nun mal bei innovativen Tools wie Social Media oder Customer Journey.

Einige Wochen später kam ich nach einem Meeting mit einer Agenturchefin ins Plaudern, die mir bestätigte, dass es für ihre Agentur immer schwerer würde, strategische Konzeption zu verkaufen. Die Kunden verlangen konkrete Produkte. Social Media-Produkte ließen sich am besten verkaufen. Auch bei Inbound Marketing werden die Leute hellhörig.

Meine Spurensuche ging weiter. Der CCO (Chief Customer Officer) eines Online-Shops zeigte mir stolz sein Monitoring-Dashboard. Das waren drei Monitore, auf denen zahlreiche grafischen Anzeigen zu sehen waren, die sich ständig aktualisierten. Es wurde angezeigt, wie viele Kunden sich im Online-Shop befanden, was die Leute kauften oder wie oft ein Kauf abgebrochen wurde. Auch alle Reaktionen in den sozialen Medien oder den Traffic im eigenen Blog konnte man direkt ablesen. Sobald ein bestimmter Grenzwert über- bzw. unterschritten wurde, gab es einen „Alert“ und das Shop-Team reagierte. Man steuere das Marketing über das Board in Echtzeit, erklärte mein Gesprächspartner. Als Vergleichsgröße könne man auf die umfassenden Daten der Vorjahre zurückgreifen. Die Algorithmen würden laufend optimiert, da brauche man keine strategischen Konzepte mehr.

Nicht das die strategische Planung verschwunden wäre, sie verändert sich nur. Innerhalb der Gruppenarbeit eines Workshops beauftragte ich die Teilnehmenden eine Kulturmarke neu zu positionieren. Eine Gruppe packte eine „Canvas“ mit bunten Karten und Stiften aus. Die Canvas, das war ein großes Plakat mit freien Feldern und einer vorgedruckten, bebilderten Schrittfolge, die mit „Who you are“ begann und bei „What you get“ endete. Die Gruppe arbeitete sich Feld für Feld voran, bis nach anderthalb Stunden die Canvas gefüllt war und die Positionierung stand. Ich fragte nach und erfuhr, dass es eine ganze Serie von weiteren Canvas zu gängigen Strategiethemen gäbe, alle zum sofortigen Einsatz. Ist das die Zukunft des Konzepts? Als Instant-Konzept mit Convenience-Charakter? Die wichtigen Informationen aufgießen, ein paar gute Ideen dazu, umrühren – und fertig?

Gegenschub

Ich habe in vielen Jahren Praxis gelernt, dass, wer etwas wirksam verändern will, klare Leitlinien und Ziele braucht. Er muss mit seiner Kommunikation Haltung zeigen und Werte vermitteln, die weit über das Tagesgeschäft hinausweisen. Zurzeit erlebe ich da draußen in der Kommunikationswelt eine Dominanz des Taktischen über das Strategische. Technokraten und Pragmatiker sind auf dem Vormarsch und erobern die Deutungshoheit, für Strategen und Visionäre ist das Terrain schwierig geworden. Deshalb habe ich mich entschlossen, diesen Beitrag zu schreiben, quasi um Krisen-PR für das Konzept in der Krise zu betreiben. Ob das was nützt?