Loading...

Worthülsen

Auf ein Wort – Folge 1

Ein nicht zu unterschätzender Erfolgsfaktor für jedes Konzept ist die richtige Wahl der  Worte. Worte machen Konzepte. Kleide ich meine Strategien und Ideen nur dürftig in Worte – dann verlieren selbst gute Konzepte gnadenlos ihre Geltung. Finde ich die richtigen Worte – dann hilft mir das elegant über so manche Konzeptionsschwäche hinweg. Konzepte entwickeln – das ist immer auch ein Balancieren mit Worten.

Um diesen Balanceakt deutlich zu machen, will ich in sporadischer Folge das ein oder andere Schlüsselwort aus meinem konzeptionellen Wortschatz zur Sprache bringen. Den Anfang macht heute das wundervoll ausgewogene Wörtchen „angemessen“.

Ich gestehe, dass ich „angemessen“ liebe. Es taucht in fast jedem meiner Konzepte auf. Zum Beispiel als angemessenes Etatvolumen, angemessene Mitarbeitermotivation oder angemessene Imageverbesserung. Das Wort bietet mir die perfekte Deckung. Es ist ein begriffliches Chamäleon und passt sich jeder Argumentationslinie virtuos an. „Angemessen“ findet immer das richtige Maß und erntet niemals Widerspruch.

Nehmen wir an, ich hätte im Konzept für einen kommunalen Energieversorger forsch verkündet: „XY-Strom muss einen starken Kommunikationsdruck auf die Kommune ausüben.“ In diesem Fall sehe ich vor meinem geistigen Auge schon die gesamte Geschäftsführung zucken und in Abwehrhaltung gehen: „Starker Druck? Auf unsere Partnerkommune? Sie bringen da einen ganz falschen Zungenschlag rein!“ – Schnell würde ich mich für meinen Fehlbegriff entschuldigen und neu formulieren: „Sagen wir es so: XY-Strom muss einen angemessenen Druck auf die Kommune ausüben.“ – „Na also!“ – „Warum nicht gleich!“ – Sofort reagieren alle Beteiligten wieder sehr entspannt. „Angemessen“ macht´s möglich.

Ganz gleich, ob hoch oder niedrig, stark oder schwach, groß oder klein, viel oder wenig – diese Dimensionsbegriffe entpuppen sich in kippligen Konzeptsituationen als gefährlich tendenziös. Meine Argumentation könnte zwischen die Stühle der Interessen geraten. Deshalb entscheide ich mich im Fall des Falles am liebsten für „angemessen“. Schon bin ich – wie man es auch dreht und wendet – stets auf der richtigen Seite.

Jeder liest sich dann genau das heraus, was er lesen will. Das Wort „angemessen“ passt auf jede Goldwaage der institutionellen Kommunikation. Niemand fühlt sich missverstanden oder angegriffen. Gegensätze verschwinden scheinbar wie von Zauberhand. Alle sind glücklich.

„Angemessen“ wirkt so viel sagend, obwohl es in der verbalen Wirklichkeit völlig nichts sagend ist.  Es scheint wie das Maß aller Dinge, obwohl es eigentlich absolut maßlos ist. Aber darüber hat sich bisher noch kein Konzeptionskunde beschwert. Alle finden „angemessen“ völlig angemessen.

Fortsetzung folgt

By | 2017-04-26T10:39:55+00:00 Oktober. 28th. 2005|Text und Gestaltung|